Wadenstecher
Wer im Spätsommer auf der Terrasse sitzt und plötzlich einen scharfen Stich an der Wade spürt, obwohl dort nur eine unscheinbare graue Fliege sitzt, hat es meist mit dem Wadenstecher zu tun. Die Art gleicht der Stubenfliege bis auf ein Detail – und dieses Detail ist ein starrer Stechrüssel.
Wadenstecher erkennen
Der Wadenstecher ist fünf bis sieben Millimeter lang und damit etwa so groß wie die Große Stubenfliege. Der Brustabschnitt ist hellgrau mit vier dunklen Längsstreifen, der Hinterleib grau mit dunklen, fast schachbrettartig angeordneten Flecken. Entscheidend für die Bestimmung ist der Kopf.
- Der Stechrüssel steht starr und deutlich sichtbar nach vorn über den Kopf hinaus; die Stubenfliege trägt einen weichen Tupfrüssel, den sie einklappt
- In Ruhe stellt der Wadenstecher die Flügel leicht V-förmig ab, die Stubenfliege legt sie flacher an
- Er sitzt gern bodennah an Wänden, Zäunen und Möbelbeinen und sticht bevorzugt in Waden, Knöchel und Fußrücken
Wichtig: Die Verwechslung mit der Stubenfliege führt regelmäßig zur falschen Maßnahme. Zuckerhaltige Köderpräparate gegen Fliegen erreichen den Wadenstecher nicht, denn er wird von solchen Ködern kaum angelockt; er sucht den Wirt, nicht das Futter. Auch die Kleine Stubenfliege sticht nicht; ein schmerzhafter Stich in die Wade am helllichten Tag spricht für Stomoxys calcitrans.
Lebensweise
Anders als bei fast allen anderen blutsaugenden Zweiflüglern saugen beim Wadenstecher beide Geschlechter Blut. Die Tiere stechen regelmäßig, oft mehrmals in der Woche, die Mahlzeit dauert einige Minuten. Betroffen sind Rinder, Pferde, Hunde und der Mensch, meist tagsüber, im Freien oder direkt hinter der Stalltür.
Die Eier kommen nicht in reinen Kot, sondern in feuchtes, verrottendes Pflanzenmaterial: alte Einstreu, durchnässtes Stroh, den lockeren Rand der Mistmatratze, liegen gebliebenen Grasschnitt, Silage- und Futterreste, an der Küste auch angespülten Seetang. Wie schnell aus dem Ei die Fliege wird, hängt an der Temperatur – bei kühler Witterung dauert es mehrere Wochen, bei sommerlicher Wärme nur gut zwei Wochen. Die Hauptflugzeit reicht von Juni bis Oktober, die höchsten Zahlen fallen in den Spätsommer.
Schäden und Risiken
Für den Menschen ist der Wadenstecher in erster Linie schmerzhaft. Der Stich brennt sofort, hinterlässt eine kleine, feste Quaddel und juckt einige Tage. Allergische Reaktionen kommen vor, bleiben aber meist örtlich begrenzt. Krankheiten überträgt die Art in Mitteleuropa nach heutigem Wissensstand nicht in nennenswertem Umfang auf den Menschen.
In der Tierhaltung sieht die Bilanz anders aus. Ständige Stiche an Beinen und Bauch machen Rinder und Pferde unruhig; sie fressen weniger, stampfen und drängen sich zusammen. Milchleistung und Gewichtszunahme gehen messbar zurück, Blutverlust und Dauerstress schwächen die Tiere. Zudem verschleppt der Wadenstecher Erreger mechanisch von Tier zu Tier, weil er nach einer unterbrochenen Mahlzeit sofort am nächsten Wirt weitersaugt.
Vorbeugen
Der Wadenstecher entsteht dort, wo feuchtes organisches Material liegen bleibt. Genau da setzt die Vorbeugung an, und sie wirkt zuverlässiger als jede Maßnahme am fertigen Insekt.
- Alte Einstreu, Mist- und Futterreste regelmäßig entfernen, besonders in Ecken, an Rändern und unter Tränken
- Grasschnitt, feuchtes Laub und offenen Kompost nicht direkt an der Hauswand lagern
- Mist trocken und verdichtet lagern; lockere, nasse Randbereiche sind das ideale Brutsubstrat
- Fliegengitter an Fenstern und Türen anbringen, in Ställen zusätzlich Netze vor den Öffnungen
- Undichte Tränken, Regenrinnen und Pfützen im Umfeld beseitigen
Bekämpfen
Ohne Sanierung der Brutstätten bringt jede Bekämpfung nur kurzfristig Ruhe. Ist das erledigt, helfen im Innenraum und im Stall vor allem Klebefallen und Leimbänder an sonnigen Wänden; blau eingefärbte Klebeflächen fangen Wadenstecher besser als gelbe. Elektrische UV-Fanggeräte lassen sich ergänzend einsetzen. Fraßköder auf Zuckerbasis wirken nicht.
Sprühbehandlungen von Ruheflächen und Larvizide auf Brutsubstraten sind im Nutztierbereich verfügbar, gehören aber in fachkundige Hand und sollten nicht über Jahre mit demselben Wirkstoff erfolgen, weil sich sonst Resistenzen bilden. Behandlungen am Tier selbst verordnet der Tierarzt. Biozidprodukte vorsichtig verwenden. Vor Gebrauch stets Etikett und Produktinformationen lesen.
Tipp: Hängen Sie Klebefallen dorthin, wo die Tiere zwischen den Mahlzeiten ruhen: an sonnenbeschienene Wände, Pfosten und Zaunlatten in Bodennähe. An der Decke, wo klassische Fliegenbänder hängen, fangen Sie vor allem Stubenfliegen.
Wann zum Profi?
Im Haushalt reichen Fliegengitter, Ordnung im Garten und einige Klebefallen fast immer aus. Professionelle Hilfe lohnt sich, wenn die Stiche trotz sauberem Umfeld nicht aufhören: Dann liegt die Brutstätte meist auf einem Nachbargrundstück oder im angrenzenden Betrieb, und es braucht jemanden, der sie findet und benennt.
Landwirtschaftliche Betriebe sollten sich früh beraten lassen. Ein Konzept aus Entmistungsrhythmus, Fallenstandorten und wechselnden Wirkstoffen ist deutlich günstiger als eine Saison mit Leistungseinbußen. Bei starken oder anhaltenden Hautreaktionen nach Stichen ist der Arzt zuständig – wie auch bei Stichen von Bremsen und Kriebelmücken, die im Freien ähnliche Beschwerden verursachen.
Häufige Fragen zu diesem Schädling
Wie unterscheide ich Wadenstecher und Stubenfliege?
Am Rüssel: Der Wadenstecher trägt einen starren, nach vorn über den Kopf hinausragenden Stechrüssel, die Stubenfliege einen weichen Tupfrüssel. Außerdem stellt der Wadenstecher die Flügel in Ruhe leicht V-förmig ab. Und er sticht, was die Stubenfliege nie tut.
Warum sticht mich eine Fliege im Wohnzimmer in die Wade?
Beim Wadenstecher saugen beide Geschlechter Blut, und sie stechen bevorzugt bodennah in Waden, Knöchel und Fußrücken. Die Tiere kommen meist von außen herein, oft aus Ställen, Kompost oder liegendem Grasschnitt in der Nachbarschaft. Fliegengitter an Fenstern und Türen unterbrechen den Zuflug wirksam.
Was hilft im Stall gegen Wadenstecher?
An erster Stelle steht das konsequente Entfernen feuchter Brutsubstrate: alte Einstreu, nasse Mistränder, Futter- und Silagereste. Ergänzend fangen blaue Klebefallen an sonnigen Wänden in Bodennähe gut. Sprüh- und Larvizidbehandlungen gehören in fachkundige Hand und sollten im Wirkstoff wechseln.
Ist der Wadenstecher gefährlich?
Für den Menschen in Mitteleuropa nicht. Der Stich ist schmerzhaft und juckt einige Tage, überträgt aber nach heutigem Wissensstand keine bedeutenden Krankheiten. In der Nutztierhaltung ist er dagegen wirtschaftlich relevant, weil Unruhe und Blutverlust Milchleistung und Zunahmen drücken.