Steinlaus
Vorweg das Wichtigste: Die Steinlaus gibt es nicht. Sie ist eine Erfindung von Vicco von Bülow, besser bekannt als Loriot, der sie 1976 in einer parodierten Tierdokumentation vorstellte. Wenn Sie diesen Eintrag suchen, weil Ihr Mauerwerk bröselt, Fugen rieseln oder Putz abplatzt, hat das reale Ursachen – und die stehen weiter unten. Für alle anderen: Hier ist der Steckbrief des berühmtesten Fabeltiers der deutschen Schädlingskunde.
Die Steinlaus erkennen
Laut Loriot handelt es sich um das kleinste Nagetier der Welt: wenige Millimeter groß, mit Nagezähnen, gegen die ein Presslufthammer wie Spielzeug wirkt. Erkennbar sei sie am charakteristischen Nagegeräusch und an den Löchern, die sie in Granit, Beton und Gehwegplatten hinterlässt. Die Steinlaus meidet Beobachtung so konsequent, dass bis heute kein einziges Exemplar außerhalb eines Fernsehstudios gesichtet wurde.
Tipp: Suchen Sie nicht weiter. Die Steinlaus ist frei erfunden, es existiert keine Art Petrophaga lorioti. Wer Ihnen ein Mittel gegen Steinläuse verkaufen will, verkauft Ihnen ein Mittel gegen nichts.
Lebensweise nach Loriot
Der Sketch beschreibt eine Ernährung, die aus reinem Gestein besteht. Der Tagesbedarf soll ein Vielfaches des eigenen Körpergewichts betragen, weshalb die Steinlaus rastlos nagt. Härtere Gesteine gelten als Delikatesse, weicher Kalkstein als Schonkost. Zur Fortpflanzung äußert sich die Legende auffällig zurückhaltend – ein Umstand, der die Forschung seit Jahrzehnten nicht beschäftigt.
Ihren größten Auftritt hatte sie außerhalb des Fernsehens: Von 1983 an führte der Pschyrembel, das bekannteste deutsche Medizin-Wörterbuch, tatsächlich einen Eintrag zur Steinlaus. Als er in den Neunzigern gestrichen wurde, gab es Protest, und die Steinlaus kehrte zurück – in einer erweiterten Fassung, die ihr auch noch den Abriss der Berliner Mauer zuschrieb.
Schäden und Risiken
Die Steinlaus richtet exakt keinen Schaden an. Real ist nur ein Nebeneffekt: Sie taugt hervorragend als Ausrede. Bröckelnde Fensterbänke, verschwundene Nierensteine und unerklärliche Löcher im Kellerputz lassen sich mit ihr bequem erklären, was ihre Beliebtheit erklärt.
Was wirklich an Mauerwerk nagt
Wenn Stein, Fuge oder Putz tatsächlich Schaden nehmen, kommen diese Ursachen infrage:
- Feuchtigkeit und Salz: Aufsteigende Nässe transportiert Salze in den Putz, beim Auskristallisieren sprengen sie ihn ab.
- Frost: Wasser in Rissen dehnt sich beim Gefrieren aus und sprengt Fugen und Klinker.
- Mörtelalterung: Alte Kalkmörtel sanden bei Regen und Wind langsam aus.
- Tiere: Ameisen erweitern Fugen zwischen Gehwegplatten, Wildbienen nutzen weichen Fugenmörtel als Nistgang, Spechte hacken Löcher in Wärmedämmverbundsysteme.
Kellerasseln, Silberfischchen oder Ameisen im Keller sind dabei keine Schadensursache, sondern ein Hinweis: Sie zeigen zuverlässig an, dass es an dieser Stelle zu feucht ist. Wer die Feuchtequelle beseitigt, verliert beide Probleme auf einmal – mehr dazu beim Eintrag zur Kellerassel.
Wichtig: Nisten Wildbienen in Ihren Fassadenfugen, dürfen Sie die Nester nicht einfach entfernen. Wildbienen sind nach §44 BNatSchG besonders geschützt; Entnahme oder Umsiedlung braucht eine Genehmigung der unteren Naturschutzbehörde, sonst drohen Bußgelder. Die Tiere sind harmlos, stechen so gut wie nie und verschwinden nach wenigen Wochen von selbst.
Wann zum Profi?
Gegen die Steinlaus hilft kein Schädlingsbekämpfer, wohl aber gegen echte Untermieter. Bröckelt Ihr Mauerwerk, ist ein Bausachverständiger oder ein Fachbetrieb für Bauwerksabdichtung die richtige Adresse – bei Rissen in tragenden Bauteilen, feuchten Sockeln oder Salzausblühungen sollten Sie nicht warten. Kriecht oder krabbelt dagegen etwas in den Fugen, lohnt zuerst die Bestimmung: Erst wenn klar ist, welche Art vor Ihnen sitzt, ergibt eine Bekämpfung überhaupt Sinn.
Häufige Fragen zu diesem Tier
Gibt es die Steinlaus wirklich?
Nein. Petrophaga lorioti ist eine Erfindung von Loriot aus dem Jahr 1976 und war als Parodie auf Tierdokumentationen gedacht. Es gibt keine Tierart, die sich von Gestein ernährt. Wissenschaftlich beschrieben wurde sie nie – der Eintrag im Pschyrembel war ein Insiderwitz der Redaktion.
Warum steht die Steinlaus im medizinischen Wörterbuch?
Der Pschyrembel nahm sie 1983 als Scherzeintrag auf. Nach der Streichung Mitte der Neunziger gab es so viele Beschwerden, dass sie wieder aufgenommen wurde – ergänzt um die Behauptung, sie habe zum Fall der Berliner Mauer beigetragen. Ernst gemeint war davon nichts.
Was frisst dann die Löcher in meinen Fugen?
In aller Regel Wasser: Frostsprengung, aufsteigende Feuchte und auskristallisierende Salze zerstören Mörtel und Putz. Tierisch beteiligt sind allenfalls Ameisen, die Fugen zwischen Platten erweitern, und Wildbienen, die weichen Mörtel als Nistgang nutzen. Beide fressen keinen Stein.
Brauche ich einen Schädlingsbekämpfer, wenn Putz abplatzt?
Nein, das ist ein Fall für einen Bausachverständigen oder einen Betrieb für Bauwerksabdichtung. Ein Schädlingsbekämpfer hilft, wenn Insekten oder Nager tatsächlich beteiligt sind. Sinnvoll ist immer erst die Bestimmung der Art, dann die Entscheidung über Maßnahmen.